Chaja, Chajkele, Jehuda und der Blitzableiter

28.12.2019

Das umfangreiche Domizil der Rabbiner-Familie Schor beherbergt zahlreiche Familienmitglieder. Drei von ihnen sind auf den ersten Blick besonders interessant. Da ist Chaja - sie ist die Erstgeborene. Sie kränkelt häufig und bedarf dann des Medicus. Der Rest der Familie ist der Medizin eher abgeneigt und glaubt daran, dass es Dämonen sind, die ihnen das Leben schwer machen. Chaja hat die Gabe, kann Prophezeiungen aussprechen und fällt in Trance. Ihre Prophezeiungen erfüllen sich dann - oder eben nicht. Der Medicus kennt diese Krankheit nicht - er lässt sie zur Ader oder führt lange Gespräche mit ihr.

Dann ist da die Frau des ältesten Sohns, Chajkele heißt sie. Sie ist schwanger, kommt aus der Walachei - und reimt lustige Lieder, die sie selbst vorträgt. Und sie schreibt Geschichten für Frauen. Damit ist sie früh dran. In Deutschland gibt es zeitgleich nur  Marie Sophie von Laroche, die sogar als erste unabhängige Schriftstellerin gilt, einen Salon betreibt und Herausgeberin der ersten Frauenzeitschrift "Pomona" ist. Auch erscheint im Jahr 1752 in England der erste Frauenroman "The Female Quixote". Die Autorin heißt Charlotte Lennox. Wenn man nun bedenkt, welche Schwierigkeiten der Dechant Chmielowski hat, um an Bücher zu kommen, erscheint es unmöglich, dass Schors Schwiegertochter jemals von beiden Damen gehört hat.

Als dritter fällt  der mittlere Sohn Jehuda auf. "Ein Wirbelwind mit sprühendem Humor". Er kleidet sich nach polnischer Art, trägt einen Säbel. Seine Brüder nennen ihn "Kosak". Er ist Geschäftsmann - und alleinerziehender Vater, seit seine Frau bei der Geburt des dritten Kindes verstarb. Derzeit wandelt er auf Freiersfüßen. Seine Auserwählte ist die 14jährige Malka. Ihr Vater ist ein hochgelehrter Kabbalist - und kennt den ganzen Sohar (!) auswendig, kann "das Geheimnis ergründen". Dem Jehuda ist das herzlich gleichgültig. Alles  was er will, ist eine Frau, nicht nur schön, sondern auch intelligent soll sie sein. Die Aufklärung hat sich auf den Weg gemacht, sie wird es auch bis nach Rohatyn schaffen.

Funfact an dieser Stelle: Just im Jahr 1752 hat ein gewisser Benjamin Franklin im fernen Amerika den Blitzableiter erfunden. Und ja, auch in Amerika glaubten die Leute (genau wie im polnischen Rohatyn) zur Mitte des 18. Jahrhunderts, Blitze seien eine Strafe des Himmels.