Britta Röder: Das Gewicht aller Dinge

21.06.2021

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Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 2021 - ISBN 978-3957712-87-5, 199 Seiten, 12 Euro


Im alten Rom gab es den Brauch, dass hinter einem siegreichen Feldherrn, der mit einem Triumphzug gefeiert wurde, ein Priester stand, der ihm einen Lorbeerkranz über das Haupt hielt und ohne Unterlass mahnte: Memento moriendum esse, bedenke, dass du sterben musst.

In unserer aufgeregten Jetztzeit, in der jeder sein eigener Feldherr geworden ist, hatten wir das memento mori erfolgreich zurückgedrängt, es verbannt in Kirchen, Krankenhäuser und Bestattungsinstitute.

Die weltweite Kugelvirusepidemie hat uns nun unsanft zurückgeschleudert ins alte Rom: Hilfe, wir sind sterblich.

Die südhessische Autorin Britta Röder hat aus dieser Tatsache einen Roman erschaffen. So zart wie ein Spinnengewebe - aber auch so widerstandsfähig. So leicht wie eine Feder - und doch tonnenschwer. Eben: Das Gewicht aller Dinge.

An einem ebenso hässlichen wie trostlosen Ort, einem lieblos angelegten Frankfurter Grünstreifen, erwacht ein junges Mädchen auf einer Parkbank. Mitten im Wunder des Sonnenaufgangs ist sie wohl  einem Schmetterling ähnlich, der gerade seiner Puppe entschlüpft ist. Metamorphose. Ohne jede Erinnerung an ein Gestern, noch ohne Angst vor dem morgigen Tag, ohne Schuhe, dafür mächtig hungrig.

Die Ausstrahlung dieser jungen Frau muss immens sein. So wie sie sich an nichts erinnert, erinnert sie die, die ihr begegnen, an Vieles. An die verstorbene Schwester, an ein gewesenes Ich, an die große Liebe, an einen Betrug, eine misslungene Rettung.

Zunächst aber bringt ihre ungewöhnliche Art ihr mal ein Brötchen ein, später Arbeitsstellen, viele Geschichten, sogar eine Liebe.

Doch das Mädchen ist keine Person wie alle. Erst als sie ein Leben rettet, verhilft ihr das zu einem Namen: Angelica.

Und so ist sie, ein Engelchen, nicht ganz von dieser Welt und doch ebenso verletzlich wie ein jeder von uns:


Die eigene Verletzlichkeit war für Angelica ein weiterer Hinweis darauf, dass Sicherheit nie ein endgültiger Zustand war. Alles, was man tat, brachte Neues hervor. Aber das wenigste davon war vorhersehbar. Die Realität war unüberschaubar, ein Universum, welches sich um sie herum immer weiter ausdehnte.


Um sich ganz und gar auf das Leben und die Liebe einlassen zu können, muss ein Mensch Verlust, Schmerz und Trauer als Teil dieses Lebens akzeptieren. Memento mori.

So trifft Angelica ihre ganz persönliche Entscheidung.

Dieser ungewöhnliche Roman voller Hoffnung und Liebe lässt sich gerade jetzt als Beitrag zur Verarbeitung der Coronakrise lesen, auch wenn das Wort gar nicht darin vorkommt. Ich kann aus diesem Grund eigentlich nur eine Empfehlung geben:

Unbedingt lesen!