Alles eine große Suppe

16.02.2020


Insgesamt geht es vielen Menschen in Thule nicht gut, auch schon vor der großen Flut.

Guckt man sich zum Beispiel die Eltern von Finn Schliemann an, ist deren Entwicklung zum Haareraufen. Am Anfang waren sie lockere Hippies mit Aufbaulust. In den 70ern dann Freidenker, in den 80ern hatte sie der allgemeine Ehrgeiz gepackt. 

Bis ein Tourist die Wasserleiche findet: Finns Vater. Das ist am 26.07.1989, genau ein Tag vor seinem 40. Geburtstag. Und das Schlimmste: die linke Hand ist abgetrennt und fehlt.

Er liegt auf der rechten Seite. Mit dem Gesicht zum Meer, dem Rücken zum Ufer. (...) Er liegt auf der Seite, wie manchmal sonntags im Bett (...)

 Die Wellen schlagen sanft an seinen Körper. Wiegen ihn ein bisschen hin und her. Hin und her.

Dann gibt es noch Petros Dumitrescu, das ist der Mann mit der Hütte, der die Kinder auf die richtige Spur bringen würde. Seine Frau wurde von einer Schiffsschraube zerschnitten. Ihr rechter Fuß tauchte nie wieder auf.

Doch Finn wird aus seinen betrunkenen Träumen gerissen. Die Umsiedelung auf ein Boot kann stattfinden. Setz ist erschossen, der Hund ist weg.

Jetzt sind wir Mörder.

Und Finn hat wieder die Stimme von Katja im Ohr. 1995, als er sie in der Psychiatrie besuchte:

Sei vorsichtig mit Dogge, er ist einer von ihnen. Du wirst es merken, wenn das Wasser kommt.

Ihm fällt seine Lehre im Bestattungsinstitut wieder ein.

Und er denkt an das, was ihm immer das Liebste war:

Ich kenne die Bücherei in- und auswendig. Hier habe ich einen wesentlichen Teil meiner Kindheit verbracht.

Ich liebe die Literatur der Generation der Versehrten.

Jeder kämpft mit seinen eigenen Dämonen in diesem Roman. Möglicherweise sind es die Sebettu, die sie quälen.  Ganze Gruppen von babylonischen Dämonen. Jede einzelne Gruppe besteht aus sieben Dämonen. Oder es ist der Agent. Sie alle können tief in das Leben der Menschen von Thule eingreifen, wenn etwas schiefzugehen droht. Einen anderen Weg einschlägt als den ursprünglich vorgesehenen.

Denn diese

Scheidungen, Morde, Sturmfluten verlangen, dass er wieder und wieder einspringt und korrigiert. (...) Ein früher eintretender Tod. Ein leiseres Atmen. Der Tod einer Fliege.

Dann manchmal das Verhindern ganzer Biographien


wie im Fall Reinhold Schliemanns, des so gut wie sprachlosen Autisten, den sie Reini nennen.

Wasser ist seit Ewigkeiten ein Symbol für das Leben. Wasser ist seit Ewigkeiten ein Symbol für den Tod.

Zum 275jährigen Stadtjubiläum brauchte die Stadt Thule unbedingt einen Stadtspringbrunnen.

Eine Art Goldener Becher, aus dem der König trinkt - bis dann irgendwann später der Becher das Leben trinkt. Wie bei dem alten König in Thule.

Zu Zeiten der D-Mark wurden die Gelder, die für Katastrophenschutz und Schädlingsbekämpfung im Etat eingestellt waren, für den Brunnen ausgegeben.

Finn Schliemann, der jetzt auf dem Boot durch die Gegend geschaukelt wird, hat bereits etwas kapiert:

Alles ist eine große Suppe. Alles war im Grunde genommen verbunden. War eins.