Ach, Dorcas

18.02.2021

Gedanken zum Roman Jazz von der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, die heute 90 Jahre alt geworden wäre.

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hättest du doch das Leben und die Liebe mit einem anderen ausprobiert. Warum nur musste es John Spur sein?

Spur. Spur. Spur. Dass du ihn verlassen würdest für einen Jungen, den du liebst, ohne Geheimnistuerei, das war doch klar. Und ebenso klar war, dass er es niemals ertragen würde, verlassen zu werden. Denn das war ja sein Trauma! Wusstest du nicht, dass er den Namen Spur extra für sich erfunden hatte? Schon mit drei Jahren hatte er die Pflegemutter gefragt, wo denn nun seine echten Eltern abgeblieben wären:

Sie hat zu mir runtergeguckt, über die Schulter, und mich ganz lieb, aber irgendwie traurig angelächelt, und zu mir gesagt: Ach Herzchen, die sind spurlos verschwunden. So wie ich es gehört hab, hab ich damals verstanden, daß die Spur, ohne die sie verschwunden sind, ich war.

Dorcas, du wusstest doch, dass John mit Violet verheiratet war. Violet, der er direkt vor die Füße fiel - damals als er noch im Baum geschlafen hat, in der Hängematte, die dann riss - und er runterpurzelte.

Und die beiden hatten es schwer. Die Fehlgeburten. Die harte Arbeit auf dem Feld. Erst in der Stadt wurde es auch für ihn leichter - als er die Cleopatra-Sachen verkaufte ... und sich ausgerechnet in dich verknallte.

Ja, geknallt hat es dann. Dich hat's getroffen. Und du lagst da, auf dem Bett, in der Wohnung, in der Straße, zu der die Krankenwagen nicht kommen, weil es eine Straße ist, in der  nur Schwarzenleute wohnen.

Geknallt hatte es ja auch in deinem Leben schon öfter. Wie furchtbar muss es für dich gewesen sein, als deine Eltern bei den Rassenunruhen in East St. Louis ums Leben kamen. 1917 war das. Was würdest du wohl denken, wenn du wüsstest, dass sich zwischen den Weißenleuten und den Schwarzenleuten noch nichts so wirklich geändert hat - bis heute in den USA. Zugegeben, es gab einen schwarzen Präsidenten - aber der wurde abgelöst von einem weißen Präsidenten, dessen wichtigste Aufgabe es schien, wieder und wieder  Unruhen auszulösen -  auch zwischen den Weißen- und den Schwarzenleuten. Nun gibt es einen Präsidenten, der verspricht, alles besser zu machen. Wir versuchen, alles besser zu machen, weil es doch klar ist: Black lives matter!

Naja, du hast dich um Politik nicht so viel gekümmert. Du wolltest leben und du wolltest lieben. Du wolltest deinen Liebhaber vorzeigen, öffentlich. Acton war dein neues Leben, das John Spur dann beendet hat mit seinem Gewehr ... Ach, Dorcas...

Die Autorin, die dich ausgedacht hat, die dich sterben ließ, sie hat uns eine Botschaft hinterlassen. Denn Jazz - das ist nicht nur zuhören, das ist aufnehmen, weiter bearbeiten. Toni Morrison ermächtigt uns. Wir haben ihr Buch in der Hand, deshalb sind wir mächtig.  Wir bestehen darauf, dass die Notarztwagen zukünftig in alle Viertel der Städte fahren. I can't breathe, das wollen wir nie wieder hören. Und daran werden wir sie messen, die zukünftigen Präsidenten.

Toni Morrison: Jazz, übersetzt von Helga Pfetsch.
Die Originalausgabe erschien unter dem selben Titel 1992. Meine Ausgabe ist 2019 im Rowohlt-Verlag erschienen. ISBN e-Book 978-3-644-00470-2. Es kostet knapp 10 Euro.