60 Jahre Befreiung vom Kolonialismus in Afrika

13.07.2020


In diesem Jahr 2020 können und konnten siebzehn afrikanische Staaten Sechzig Jahre Unabhängigkeit feiern. Sechzig Jahre Freiheit vom Kolonialismus und von der Ausbeutung in Afrika also. Ein Grund zum Feiern?

Natürlich sind die Verhältnisse und postkolonialen Entwicklungen in den einzelnen Ländern zu unterschiedlich, als dass man für alle eine Antwort geben könnte. Einige Länder haben oder hätten sicher mehr Gründe zu feiern als andere. Dennoch waren und sind viele Intellektuelle vom afrikanischen Kontinent der Meinung, dass diese Jubiläen keinen Anlass zum Feiern, sondern eher zum Nachdenken bieten.

Wenn im Jahr 1907 ein deutscher Kolonialbeamter Kolonisation erklärte, dann sagte er so etwas wie:

Kolonisation heißt, die Nutzbarmachung des Bodens, seiner Schätze, der Flora, der Fauna und vor allem der Menschen zugunsten der Wirtschaft der kolonialisierenden Nation. Und diese ist dafür mit der Gegengabe ihrer höheren Kultur, ihrer sittlichen Begriffe und ihrer besseren Methoden verpflichtet.

und leitete aus der deklarierten Überlegenheit direkt das Recht zur Ausbeutung ab.

Das Problem ist, dass sich auch im Jahr 2020 an der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen, mal abgesehen von der Form, wenig bis gar nichts geändert hat, nicht nur in Afrika.

Was früher die Kolonialverwaltung war, ist heute der Konzern. Es geht nach wie vor um Rohstoffe. Viele der freien afrikanischen Staaten haben es bis heute nicht geschafft, ihren Anbau zu diversifizieren. Nicht zuletzt auf Druck der alten Kolonialländer haben sie Monokultur betrieben (Blumen, Kaffee, Tee usw.).

Ein weiteres Problem sind die Eliten, die sich in manchen Ländern gebildet haben. Die Reformen, die zu ihren Ungunsten ausgefallen wären, auch mit Gewalt verhindern, und selber wiederum Ausbeutung betreiben.

Als Nadine Gordimer Ende der 60er Jahre ihren Roman Der Ehrengast schrieb, war ihr Heimatland Südafrika maximal weit von der Befreiung vom britisch-burischen Kolonialismus entfernt. Das Regime saß besonders fest im Sattel.

Anfang 1960 war in Südafrika der bis dahin gewaltfreie Protest der unterdrückten schwarzen Bevölkerung beendet, nachdem es zum Massaker von Sharpville gekommen war. Dort wurde am 21. März 1960 eine weitestgehend friedliche Demonstration vor einem Polizeirevier durch den Schießbefehl eines Polizeioffiziers beendet.

69 schwarze Menschen, davon 51 Männer, acht Frauen und zehn Kinder, wurden zumeist von hinten mit Maschinengewehren erschossen, weitere 180 - nach anderen Angaben sogar über 300 Demonstranten - wurden verletzt. Zahlreiche Verletzte wurden später inhaftiert.

Vier Millionen Weiße unterdrücken 15 Millionen Schwarze. Das war zu lange der Status Quo - und wurde von der Autorin in sieben Romanen und zahlreichen Kurzgeschichten kritisch thematisiert.

In Der Ehrengast befasst sie sich trotzdem oder extra mit der Utopie eines freien Südafrika - allerdings am Beispiel eines anderen (fiktiven) afrikanischen Staates, dem Südafrika als schlechtestes von allen Beispielen dient.

Die Leserin gerät gemeinsam mit dem weißen Colonel Bray in die Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit Anfang der 60er Jahre - und zwischen die Fronten, die sich gerade wieder neu verhärten. Die Freunde von damals, die gemeinsam am Traum der Unabhängigkeit gearbeitet hatten, der neue Präsident und der freie Gewerkschaftsführer, sind zu erbitterten Feinden geworden. Streitpunkt ist die Frage, ob ausländisches Geld zum Aufbau des Landes und seiner Industrie verwendet werden soll - und ob Gewalt weiterhin ein legitimes Mittel sein kann. Der Gewerkschaftsführer Shinza ist mit aufständigen Truppen im Gespräch.

Der Colonel, zunächst gedanklich eigentlich schon wieder auf der Heimreise nach Großbritannien, will zwischen den Streitenden gar nicht Vermittler sein. Denn was richtig und was falsch ist, mag er nicht entscheiden:

Wieso sind wir uns unserer Sache immer so sicher (...)? Woher wissen wir denn, was für andere Menschen das Richtige ist?

So fragt er sich - und so fragte sich auch stets die Literaturnobelpreisträgerin Gordimer in ihren Romanen.

Die Feierlichkeiten im neuen Staat sind demnach auch umsichtig geplant:

Alles musste neutral gehalten sein, um weder die Nachfahren Osebe Zunas II. dadurch zu verletzen, daß man sie daran erinnerte, wie der alte Mann die Schürfrechte für das Land um den Preis eines Zweispänners, wie ihn die große weiße Queen besaß, und gegen eine Zusage von 200 Pfund jährlich abgetreten hatte, noch die Briten, in dem man sie daran erinnerte, daß sie - um diesen Preis - das ganze Land als Draufgabe dazu bekommen hatten.

So war das eben, mit dem Kolonialismus.

Bray bricht mit seinem Entschluss,  nach Hause zurückzukehren. Er zieht sich, für ihn selbst auch überraschend, in diesem neuen Staat ein neues Leben an. Eine Entscheidung, die ihn dieses Leben kosten wird.