#21für21: 1 Ruth Berger | Gretchen: Ein Frankfurter Kriminalfall

09.02.2021

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In Polen trieb es ja gerade die Frauen gegen ihre Regierung auf die Straße. Das Verfassungsgericht hatte entschieden, dass Frauen auch dann nicht abtreiben dürfen, wenn ihr Kind schwere Fehlbildungen hat. Dies kommt de facto einem Abtreibungsverbot gleich.

 Bei uns in Deutschland kämpften Frauenärztinnen darum, auf ihrer Website darauf hinweisen zu dürfen, dass zu den Leistungen einer der Ärztinnen auch ein "medikamentöser, narkosefreier" Abbruch "in geschützter Atmosphäre" gehört. 

Was folgte waren Geldstrafen - das hinzugerufene Bundesverfassungsgericht bekräftigte, dass eine "Werbung für den Schwangerschaftsabbruch" verboten sei. Wessen Rechte sind wichtiger zu nehmen? Die der Mutter? - Die des (ungeborenen) Kindes?

Das war und  ist eine schwierige Frage.  Ihre Beantwortung ist noch viel schwieriger.

Im Roman Gretchen - Ein Frankfurter Kriminalfall geht die Autorin und Historikerin Ruth Berger einem berühmt gewordenen Kindesmord nach: 

Im Jahr 1771 wird die lustige und ebenso gut gelaunte wie hitzige und eigensinnige Dienstmagd Susann Margaretha Brand von ihrer eigenen Schwester bezichtigt, ihr Neugeborenes getötet zu haben. Wenige Tage danach wird Susann nach kurzer Flucht festgenommen. Ihr Gnadengesuch wird abgelehnt. Sie wird zum Tode verurteilt - und schließlich auf dem Frankfurter Rossmarkt geköpft.

Unter den Zuschauern der Hinrichtung ist der frisch gebackene Doktor der Juristerei, Johann Wolfgang Goethe nebst seiner Schwester Cornelia und beider Freund Johann Georg Schlosser.

Goethe hatte gerade seine Doktorarbeit verhauen - und hielt sich zur Verteidigung derselben in Straßburg auf -  als Susanns Prozess begann.  So konnte er bei aller Bestürzung nur noch eines tun: diesen Fall der Nachwelt erhalten. Susann Brand stand Patin für  "sein Gretchen". Endlich wusste er, wie er seinen "Urfaust" verfassen musste. Dieser entstand dann tatsächlich zwischen 1772 und 1775 in Frankfurt.

Ähnlich wie vor ihr der spätere Geheimrat hat sich auch Ruth Berger die Fallakten des Frankfurter Justizdramas aushändigen lassen. Sie strickt nun an ihnen entlang die Geschichte eines sehr bewegenden und nachdenklich machenden Frauenlebens.

Die Autorin vergisst dabei auch die anderen typischen Frauenschicksale nicht: Frauen in unglücklichen Ehen, Frauen, die keine Kinder bekommen können, Frauen, die die meisten ihrer Kinder an den Tod verlieren. So wie auch Goethes Mutter. Vier ihrer sechs Sprösslinge verstarben bereits im Kindesalter.

Und es geht Berger ebenso um die Geschichte von Kindern, die in bitterster Armut aufwachsen müssen, ohne dass dies irgend jemanden kümmerte. Im Gegenteil:

Die historisch verbürgte Susann Brand hatte verfügt, dass ihre zurückgelassene Habe inklusive der Perlen, die im Roman eine besondere Rolle spielen, zugunsten der Schuhmacher-Waisen Wetzel versteigert werden sollten. Zu Erinnerung: Es ist die Zeit der "Hungerjahre" 1770-1772. Eine zweifache Missernte hatte zu einer der schwersten Krisen in der Neuzeit geführt. Doch leider ging das Erbe einfach nur an Susanns Schwester.

Solche Anekdoten und historische Ereignisse finden sich auf spannendste Art und Weise miteinander verknüpft in diesem wunderbaren Roman. Außer den Frauen und den Kindern begegnet man taktgebenden Männern des 18. Jahrhunderts: Neben den Goethes und ihrem Hausarzt Burggrave unter anderem auch den ungleichen Brüdern Senckenberg.

Der Roman ist stilistisch und sprachlich ein Hochgenuss - und hat auch im Jahr 2021 keinerlei Patina angesetzt. Meine Empfehlung: Kaufen und Lesen!