#21für21: 5 Judith Winter | Siebenschön

06.04.2021

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Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2014. eBook ISBN 978-3-423-42083-9. Leider nur noch in den Onleihen verfügbar.

Theo hat versagt. Tja, Glück für dich. Ich schätze, das bedeutet, dass Nummer sibn Dir gehört. Masl-tów.

Was ist da los in Frankfurt am Main, dass ein anonymer Unbekannter Karten mit solch eigenartigen Texten verschickt? Wer ist Theo? Und Nummer sibn? Heißt das, es gibt eine Verbrechensserie mit mindestens sieben Opfern - und die Abteilung für Kapitaldelikte der zentralen Kriminaldirektion, vertreten durch die Hauptkommissarin Emilia (genannt Em) Capelli weiß von nichts?

Zunächst nicht, denn die muss erst einmal verdauen, dass sie zukünftig an der Seite einer Frau wird arbeiten müssen: Mai Zhou, sechundzwanzig Jahre jung, international ausgebildet, viersprachig aufgewachsen, wird ihre neue Partnerin. Capelli kocht inwendig, hatte sie es doch gerade geschafft, mit den männlichen Ermittlern gleichzuziehen - und schließlich nicht sie, sondern ihr ehemaliger Kollege ist freigestellt zum Windelnwechseln.

Auch wenn sie die Ausbildung junger Polizistinnen fördert, weiß sie doch über ihre Geschlechtsgenossinnen

Dass man mit ihnen weder vernünftig reden noch vernünftig zusammenarbeiten kann.

Alles Jammern hilft genau nichts. Die beiden ungleichen Kommissarinnen haben zu tun. Sie müssen Fragen beantworten: Was verbindet den jüdischen Uhrmacher mit dem Informatikstudenten? Was die beiden und den kaufmännischen Angestellten mit der ehemaligen Prostituierten? Warum starb eine Psychotherapeutin durch Gewalt? Welche Rolle spielt die Schwarze Witwe? Wer um Gottes Willen soll das siebte Opfer sein? Und - was bedeuten die Beigaben der Toten? Ein Leichnam ist zugeschmiert mit Zuckerrübensirup. Was soll das?

Spannend ist der Psychothriller von Judith Winter schon, gar keine Frage. Allerdings trägt er auch viel Genretypisches, politisch Korrektes: Der Migrationshintergrund der beiden Kommissarinnen, ihr Frauenhickhack, diverse Sexualität, die Frage, ob ein politisch oder religiös motivierter Täter sein Unwesen treibt, allgemeiner Rassismus im harmlosen Gewand, das Psychologenumfeld - und nicht zuletzt die Hommage an eine Großmeisterin des Krimis.

Dennoch ist die kleine Serie um Capelli und Zhou - Siebenschön (2014) - Lotusblut (2015) - Sterbegeld (2015) und Finsterwald (2019) bisher wohl nicht über den Bildschirm geflimmert.

Vielleicht liegt es daran, dass der Thriller sich dann doch von den Dutzendproduktionen unterscheidet. Denn gelöst wird der Serienmord schließlich durch Wissen. Alle Protagonisten sind wohl gebildeter als der Durchschnitt der Bevölkerung. 

Auch für mich bedeutete das, dass ich Wissen auffrischen bzw. ganz neu erwerben konnte. Passiert nicht oft im Thriller.  Die Bedeutung von "ajin tachat aijin" zum Beispiel oder was der "Loisl" mit dem Gesetz zu tun hat. Ein Gefühl zu gewinnen für die  interessanten "sechsunddreißig Strategeme" oder gar die Josephus-Permutation.

Ein bisschen gehts hier zu wie mit der "Frauenliteratur" im 18. Jahrhundert, als das Lesen "prodesse et delectare" sein sollte: der Leserin nützen und sie gleichzeitig erfreuen.

Ich bin angefixt, werde mir auf jeden Fall den zweiten Band auch noch zu Gemüte führen und verteile

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