#21für21:4 Eowyn Ivey | Das Leuchten am Rand der Welt

31.03.2021

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Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel "To the Bright Edge of the World". Übersetzt aus dem Englischen von Claudia Arlinghaus und Martina Tichy. rororo, Hamburg 2018. ISBN 978 3 499 290541.


Oh, was für ein großartiger lyrischer Schmöker ist der alaskischen Autorin Eovyn Ivey mit diesem Roman gelungen. Und wie selbstverständlich bestätigt er, was uns die Covid19-Krise gerade lehrt, dass es der Menschheit niemals auch nur ansatzweise gelingen wird, die Natur zu besiegen.

In der Rahmengeschichte bietet ein älterer Herr aus Montana einem ehrenamtlich geführten und von Mittelkürzungen betroffenen Museum in Alpine, Alaska, ein besonderes Konvolut an: Einer seiner Vorfahren habe im Jahr 1885 im Auftrag der amerikanischen Regierung eine militärische Alaska-Expedition unternommen, die mehr als miserabel verlaufen sei. Die übrig gebliebenen Tagebücher, Briefe und Gegenstände würde er selbst nun gerne der Nachwelt erhalten wissen.

Die Leserin wird  Zeugin, wie der junge Museumskurator Joshua Sloan zuerst ablehnend reagiert, um dann mehr und mehr in den Bann dieser Überbleibsel gezogen zu werden: Militärische und private Tagebücher, Briefe, Fotografien, Becher, geflochtene Körbchen, Zeitungsausschnitte, Schalen, Flaschen, Glaspyramiden und sonstige wissenschaftliche Utensilien.

Und ebenso wie der Kurator wird man zurückgerissen in das Jahr 1885. 

Dazu ist es wichtig, zu wissen, dass im März 1876 etwas stattgefunden hatte, was heute gerne als "Russlands dümmster Deal" bezeichnet wird.

Denn da verkaufte das Zarenreich seine Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent, über den Kopf der indigenen Bevölkerung hinweg, für den Spottpreis von 7,2 Millionen Dollar - nach heutigem Kurs wahrscheinlich etwa 100 Millionen Dollar. Kurz in die heutige Zeit weitergedacht - hätten ohne diesen Verkauf Russland und Kanada eine 2.477 Kilometer lange Landgrenze - Russland hätte in Sichtweite Amerikas Stützpunkte, Marinehäfen, wahrscheinlich Raketenbasen.

Um die Wahrheit zu sagen, weder die Russen noch die Amerikaner wussten mit dem weit abgelegenen Landstrich etwas anzufangen. Spötter nannten den Neukauf nach dem damaligen US-Außenminister "Sewards Eiskiste". Alaska wurde auch erst 1959 49. Bundesstaat der USA.  Der enorme strategische und wirtschaftliche Wert des Gebietes wurde erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erkannt. 

Im Jahr 1885 war weder von Goldrausch noch von Erdöl  überhaupt die Rede:

Ziel der Unternehmung sind die Kartierung des besagten Territoriums sowie eine Erhebung zu den einheimischen Völkern, um im Falle künftiger Auseinandersetzungen zwischen der Regierung der Vereinigten Staaten und den Eingeborenen des Territoriums entsprechend gewappnet zu sein. Die Expedition wird des Weiteren feststellen, ob und wie sich im Bedarfsfall Truppen in dieser Region versorgen lassen, sie wird Daten zum Klima und zur Dauer des Winters erheben. Und Erkenntnisse zu Methoden der Nachrichtenübermittlung und zur Bewaffnung der Eingeborenen sammeln.

Dieser Auftrag erging nun an den Großonkel des Mannes aus Montana, den Oberstleutnant Allen Forrester. Der ist im etwas fortgeschrittenen Alter noch die Ehe eingegangen - und plant, seine frischgebackene Ehefrau mit auf die Tour ins Ungewisse zu nehmen. Diese Sophie Forrester ist nämlich eine sehr aufgeweckte Lehrerin mit Forscher-Gen, die eine große Liebe zur Vogelwelt hegt.

Doch wie das Schicksal es will, wird sie schwanger - die geplante Tour de Force wird für sie unmöglich. Ende des 19. Jahrhunderts ist die Frauenheilkunde erst in der Entwicklung begriffen. Der Roman macht klar, wie selbstverständlich die natürlich männlichen Ärzte über den Körper der Frau hinweg entscheiden, ihr nicht mal Einblick in medizinische Abbildungen gewähren. Doch er lässt  auch die andere Seite nicht aus. Ein Frauenleben zu der Zeit bedeutete im Schnitt fünf Fehlgeburten, zwei Totgeburten, drei Lebendgeburten. Entsprechend macht Sophie, zurückgelassen in der Garnison Vancouver, ihre ganz eigene Entdeckungstour. 

Man darf festhalten, dass Eowyn Ivey einen Modellroman geschrieben hat. Alle Bereiche des Lebens kommen vor: Die Unterdrückung der Frau ebenso wie ihre oberflächlichen Beschäftigungsgebiete in Küche und Salon noch im 19. Jahrhundert, der Umgang mit Bediensteten, der Umgang mit Militärangehörigen, die sich entwickelnde Fotografie und das damit zusammenhängende Erleben von zu bewahrender Natur, der Umgang mit überraschend selbstbewussten Indigenen, Umgang mit sexueller Diversität und so weiter - aber an keiner Stelle gibt es einen erhobenen Zeigefinger oder etwas, das so ähnlich klänge wie ein Lexikoneintrag. 

Diese Expedition hat historisch tatsächlich stattgefunden. Die Autorin konnte sich am echten Expedititions-Bericht, an echten Briefen und Tagebüchern orientieren.

Und Ivey ist eine begnadete Erzählerin - die Leserin wähnte sich in den Weiten Alaskas, in der furchterregenden Schlucht, auf dem Wolverine-River. 

Gerade jetzt, wo die eigene Welt so eng und klein geworden ist, hat mir der Roman unendlich gutgetan. Er kommt auch mit einer gesunden Prise Magie und indigenen Mythen und Geschichten daher. Viele Bilder wird man gar nicht wieder los.

 Kurzum: Ich hab das Buch geliebt.

Wer eine Freude hatte an "Der Gesang der Flusskrebse", der wird wohl auch diesen komplett kitschfreien Abenteuerroman lieben. Es kann keine andere Empfehlung geben als

Lesen!