#21für21:9 Malcolm MacKay | Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter

25.06.2021

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Das Original erschien 2013 unter dem Titel "The Necessary Death of Lewis Winter". Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel. Fischer E-Books, Frankfurt 2014.  ISBN 978-3-10-402280-2. 


(...) er sitzt mit einem Buch auf dem Sofa. Der bunte Schleier von William Somerset Maugham, für alle, die's genau wissen wollen, und er ist davon fasziniert. Das Buch hat seine Aufmerksamkeit vom Radio weggelockt (...). Das Telefon klingelt - Festnetz, nicht Handy -, fesselt seine ganze Aufmerksamkeit. Ein Lesezeichen unter die Zeile, die er gerade gelesen hat (nie die Seite umknicken, um sich die Stelle zu merken), dann steht er auf.

Bevor jetzt die ganzen berüchtigt Büchersüchtigen den 29jährigen Calum MacLean in ihr Herz schließen, seien sie gewarnt. Er ist nicht Deutschlehrer, nicht Bibliothekar,  auch kein Buchhändler - McLeod ist Auftragskiller.

Freischaffend, ohne Anhang. Es ist ihm wichtig, nicht zwischen die Fronten zu geraten und seinen Job unauffällig zu erledigen. Er braucht nichts Langfristiges, er braucht nur das Nötigste.

Er ist die neue Generation Auftragskiller, gewohnt, moderne Technik, moderne Polizeiarbeit und moderne Empfindlichkeiten ebenso modern abzufedern. Allerdings, so richtig wohl fühlt er sich in einem Metier nicht, auch wenn er sich ständig selbst gut zuredet.

Der Anruf, den er erhält, bereitet ein Jobangebot vor:

Der Glasgower Gangsterboss Jamieson ist aktuell um einen Killer verlegen. Frank, sein bester Hitman ist inzwischen 60 Jahre alt und braucht eine neue Hüfte. Auch Killer haben ein Recht auf Krankenschein, Rehabilitation, notfalls auf das Altenteil.

Der Auftrag ist klar umrissen:

Drogenhändler Lewis Winter muss aus dem Weg geräumt werden. Das kleine Licht der Unterwelt pfuscht dem großen Chef der Organisation ins Handwerk. Das kann so nicht bleiben. Viel Gegenwehr sei nicht zu erwarten. Maximal vielleicht ein Hund. Schnell zu erledigen, der Job.

Die Männer werden handelseinig - und die Leserin erhält eine Unterrichtseinheit im Killerhandwerk.

Es ist leicht, jemanden umzubringen. Jemanden richtig umzubringen, ist schwer. Wer es richtig macht, weiß das. Wer es schlecht macht, lernt es. Auf die harte Tour.

Und was ist nicht alles zu bedenken - vom Tatfahrzeug, über die Tatwaffe bis zum Komplizen, alles zu beschaffen, dann alles möglichst geräuschlos wieder verschwinden lassen. Da ist von der Tatverarbeitung und dem unauffälligen Weiterleben des Killers noch gar nicht gesprochen.

In dem Kriminalroman von 2014 halten sich alle Kerle für ziemlich große Nummern, ihr jeweiliges Risiko entsprechend für überschaubar. Aber wie es halt so ist: Wenn du den lieben Gott zum Lachen bringen willst, dann erzähl ihm deine Pläne.

Herausragend am Roman ist, dass der junge Autor seine Geschichte nahezu vollständig aus Verbrechersicht erzählt. Alle haben sie Dreck am Stecken - von zwei Jungs mal abgesehen, und die sind nicht  bei der Polizei. 

Ich habe keine Ahnung, woher der Autor, der auf den Äußeren Hebriden zu Hause ist, seine Informationen hat und wie er so schreiben kann, als ginge er bei Gangsters täglich ein und aus.

Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, Auftragskiller gibt es. Hier in meinem Stadtteil gab es vor knapp 13 Jahren einen Auftragsmord. Der Killer konnte gefunden werden. Die Auftraggeberin, die ihren Lebensgefährten genau so aus dem Weg räumen ließ, wie im Roman beschrieben, hatte ihr Herz beim Friseur ausgeschüttet. Der Friseur wurde zum Zeugen berufen. Auf seine Aussage hat sich die Anklage gestützt. Als die Angeklagte und ihr aktueller Liebhaber sich gegenseitig beschuldigten, den Auftrag erteilt zu haben, erhielten alle Beteiligten lebenslänglich.

Tatsächlich hat sich auch die Universität Birmingham im Jahr 2014 die Frage nach den Auftragskillern gestellt und Erstaunliches herausgefunden:

Ein Durchschnittsmord kostete damals 18.460 Euro, manche Killer töteten aber auch für knapp 250 Euro. Es gibt Auftragskiller, aber diese Spezies ist viel seltener, als es die Krimischreiber glauben machen. Zwischen 1974 und 2013 zählten sie in Großbritannien 27 Auftragsmorde, an denen 36 Auftragskiller involviert waren. Unter ihnen nur eine einzige Täterin.

Die Forscher typisierten die Täter nach Novizen (erster Mord) Amateur (mordet meist aus finanzieller Not), Geselle (kriminelle Erfahrung, im Milieu gut vernetzt, kein Mord bisher) und den Meister (para-militärischer Hintergrund, präzise berechnend, emotionslos).

Der Auftragskiller in meinem Stadtteil war danach entweder Novize oder Amateur. Calum MacLean allerdings, der eifrige Leser, ist dagegen ein Meister - oder er wird es werden. 

Denn auch der Autor ist ein Verbrecher. Er raubt die Leserin aus. Anstatt nämlich einen abgeschlossenen Roman abzuliefern, erzählt er die Geschichte seines Auftragskillers in einer Trilogie (Der Killer hat das letzte Wort/Der Killer hat genug vom Töten).

Weil ich den lakonischen Stil sehr mag und auch angefixt bin, werde ich diese auf jeden Fall auch noch

Lesen!