#21für21:8 Laetitia Colombani | Der Zopf

30.04.2021

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 Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Marquardt. Originaltitel: "La Tresse". 
Fischer Taschenbuch 2019. ISBN 978-3-596-70185-8.

Ein Bestseller aus Frankreich. Mein Exemplar stammt bereits aus der 6. Auflage. Von Anfang an in Deutschland auf der Bestsellerliste vertreten. Wurde in 28 Sprachen übersetzt. Wow. Ich habe den Roman geschenkt bekommen - als Printausgabe also. Und ich muss erstmal verwundert feststellen, dass im Klappentext schon die ganze Geschichte erzählt ist. Ab "Perückenfabrik" und "schwerer" Erkrankung festigt sich eine Ahnung - den Rest erzählt mir der Romantitel.

Zunächst aber werde ich überrascht. Die Geschichte von Smita, der Unberührbaren und damit nicht zu den vier Hauptkasten gehörigen "Dalit", wie sich diese Menschen selber nennen, nimmt mich gefangen. Eine Frau, deren Arbeit darin besteht, angeseheneren Leuten die Exkremente aus der Latrine zu kratzen, mit den bloßen Händen und dann in stinkenden Körben zu entsorgen. Im 21. Jahrhundert. Das indische Volk bittet die Regierung schon lange um Toiletten - vergeblich.

Eigentlich ist das Kastenwesen in Indien seit 1950 verboten. Auf dem Papier. Im richtigen Leben heißt es: einmal Dalit, immer Dalit. Allenfalls der Wechsel der Religion könnte heraushelfen. Doch die Menschen hängen zu sehr an den alten Göttern.

So auch Smita, Analphabetin aber ungebeugt. Sie will ihrer Tochter das identische Schicksal ersparen. Lalita soll zur Schule gehen. Geld ist gespart, Smita und Lalita sind nicht alleine. Lalitas Vater ist ein guter Mann

Und als Lalita geboren wurde, hat er sich sogar bereit erklärt, sie zu behalten. Dabei tötet man nicht weit von hier neugeborene Mädchen. In den Dörfern von Rajasthan verscharrt man sie lebendig in einer Kiste unter dem Sand gleich nach ihrer Geburt.

Aber er ist nicht der Meinung, dass man in den Lebenskreislauf eingreifen sollte. Stattdessen einfach auf die Wiedergeburt warten. Vielleicht als Tempelratte. Er selbst ist Rattenjäger - seine Familie ernährt er mit diesem Fleisch. So hat es schon sein Vater gemacht.

Ein weniger guter Mann ist der Lehrer, der das Mädchen schlägt, als es sich weigert, am ersten Schultag als einziges den Klassenraum zu säubern. Einmal Dalit, immer Dalit. Das gesparte Geld ist nun verloren.

In Indien herrscht Gleichberechtigung. Abtreibung ist legal. Es gibt Gesetze, die Frauen vor Gewalt schützen. Bei Kommunalwahlen greift eine 33% Quote für Frauen. Indien ist ein verwirrendes Land.

Wenn dort eine gläubige Hindu-Frau eine schwere Erkrankung hinter sich gebracht hat, kann es sein, dass sie dankbar zu den Tirumalahügeln pilgert, dort befindet sich Tirupati, der Tempel von Gott Venkateswara - und dort wartet der Tempelfriseur. Und ja, der Begriff Haartempel erfährt seine wahre Bedeutung. Der Tempel Tirupati ist ein 24-Stunden-Betrieb mit 14.000 Angestellten. Bestens organisiert und richtig reich. Es pilgern mehr Menschen hin als nach Mekka oder Rom - 19 Millionen im Jahr. Und sie bringen Geld hin, wenn sie haben, ansonsten ihre Haare.

Das ist nicht schlecht. Der Tempel investiert das Haar-Geld in Sozialfürsorge: baut damit Schulen und Universitäten, Bibliotheken, bietet Armenspeisungen und richtet auch für Arme Massenhochzeiten aus.

Dalit-Frauen sind arm. Ihr Haar ist nicht behandelt, kennt keine Dauerwelle, wird nicht umgefärbt, so lange es fest am Kopf verankert ist.

Es genügt, das Haar zu schneiden, die Nissen herauszukämmen, es zu waschen und schon ist es Gold wert. Die Frauen fragen nicht, was mit ihrem Haar geschieht, sie haben es Gott geschenkt, mehr als Gotteslohn erwarten sie nicht.

Vom Kopf ab heißt es "Remy Hair" und ist die beste Ware für die Köpfe der Reichen und Schönen, für Echthaarperücken und Extensions, für Shrinkies und Echthaartressen. Im Jahr 2007 wurde durch den Verkauf ein Umsatz von ca. 250 Millionen Euro erzielt.

Ich bin der Autorin wirklich dankbar für die Einführung in diese haarigen Wahrheiten. Das war mir nicht bewusst - und ich hätte gerne mehr darüber gelesen. in diesem schönen, schnörkellosen Stil.

Was mich aber am Roman enttäuschte ist, dass sie die Smita-Geschichte auf etwas sozialkitschige Art gleichberechtigt mit den Geschichten von Giulia und Sarah verzopft. 

Giulia aus Palermo leidet an Haarleidenschaft, hat die Schule geschmissen und stattdessen in Papas Perückenfabrik angeheuert. Alles ist genau wie im Italienklischee verlangt: Papa hat das Sagen, leider hat er die Fabrik im Geheimen heruntergewirtschaftet. Eine peinliche Schmonzette später ( ausgerechnet mit einem Sikh - Indienklischeehafter gehts nicht mehr, obwohl Sikhs in Indien eine absolute Minderheit darstellen)  - retten dieser und Giulia die Sache bis auf Weiteres. Womit? Mit moderner Betriebswirtschaft? Nein. Mit Tempelhaar von den Tirumalihügeln.

Ähnlich klischeehaft leider die Geschichte der Juristin Sarah aus Montreal, einer aschkenasischen Jüdin. Hart arbeitende, alleinerziehende Mutter von Dreien, schönes Haus im besten Viertel erkrankt schwer an Brustkrebs, mandarinengroß, was sie geheimhält. Trotzdem verliert sie ihr Renommee - Hoffnung gibt erst, na was? Tempelhaar aus Indien - verknüpft bei Giulia in Palermo.

Es sind drei kämpfende Frauen, leider kämpfen sie nicht solidarisch, sondern jede für sich. Jede kämpft in ihrer Klasse.

Für die beiden Frauen aus den Industrieländern Italien und Kanada hält die Autorin immerhin eine berufliche  Perspektive bereit. Für die Frau aus dem Schwellenland Indien nicht. Die muss jetzt zufrieden sein, dass sie gar nichts mehr hat außer Gottvertrauen.

Während sie sich Hand in Hand in Richtung des goldenen Sanktuariums entfernen, weicht alle Traurigkeit von Smita. Nein, wirklich sie ist nicht traurig, denn sie ist überzeugt: Gott wird sich für ihre Opfergabe erkenntlich zeigen.

Ich hätte von der Autorin, die eigentlich Schauspielerin und Regisseurin ist, etwas mehr Fingerspitzengefühl und echtere Frauensolidarität bei diesem Debüt erwartet, wenn sie denn so große Themen aufruft.

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